unfilter

20.07.19, 14.00 – 19.00 Uhr

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie auf dem Charité Campus Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin

Ausstellungsplakat
unfilter © Charlotte Hansel
© graphic design by Charlotte Hansel in collaboration with Susi Hinz

Unsere Bilder der Realität beruhen auf konstant ablaufenden Filterungsprozessen von auf uns einströmenden Reizen. Durch den Vorgang des Zeichnens wird dieses oftmals unbewusste Filtern der Sinnesreize in ein bewusstes und doch intuitives Selektieren überführt.

Was die ausgestellten künstlerischen Positionen eint, ist nicht nur der Akt des Zeichnens, der uns als Spur des Körpers auf Papier unmittelbar in Verhältnis zu unserer Umgebung setzt, sondern auch der Anspruch, die wahrgenommene Wirklichkeit in eine eigene Formsprache zu übersetzen. Die jeweils eigenen Zeichensysteme der Künstler*innen als Ergebnisse dieser Übersetzungsleistung führen uns vor Augen, dass unsere Selektionsprozesse eine sehr individuelle Realität erzeugen.

Auch die wissenschaftliche Zeichnung zeugt von einer individuellen Sprache, jedoch ist es nicht Ziel der Zeichnung, die eigene Wahrnehmung zu verhandeln. Vielmehr wird ein Merkbild erschaffen, das die komplexe Wirklichkeit auf klare Weise anordnet und auf einen Blick verständlich macht, sodass es sich in das Bildgedächtnis der Wissenschaftler*innen einprägt.

Wiederum gefiltert wird die zeichnerische Verhandlung der Wirklichkeit von den Betrachter*innen, die darüber hinaus in der Bildbetrachtung maßgeblich durch das gegebene Setting beeinflusst werden – von der Beleuchtung, über die Position des Betrachtenden, bis hin zu den Beziehungen, die sich zu Objekten im Sichtfeld ergeben. Was geschieht, wenn die äußere Umgebung extrem reduziert wird? Wird das Wahrnehmungsbild dann stärker durch die innere Erfahrungswelt bestimmt?

In der Abkehr von der konventionellen Ausstellungsgestaltung hin zu einer stärker erfahrungsbasierten Begegnung mit den Kunstwerken, wird den Betrachtenden ein aktives Mitwirken im Seherlebnis zugesprochen – ist es doch im Inneren jedes einzelnen Betrachtenden, in dem die Wahrnehmungsgestalt des Kunstwerkes immer wieder aufs Neue geschaffen wird.

 

Werkliste

 

Lucius Fekonja: Anatomy of the deep temporal nerves and vessels, 2018; Anastomosis of saphenous vein and internal carotid artery, 2018; Anastomosis of middle cerebral artery and radialis artery, 2018; Temporal muscle dissection, 2018; Superficial temporal artery bypass, 2018

Die neurochirurgischen Zeichnungen von Lucius Fekonja entstehen im Kontext seiner Arbeit als wissenschaftlicher Zeichner an der Klinik für Neurochirurgie der Charité Berlin. Der zeichnerische Prozess vollzieht sich in enger Zusammenarbeit mit den Chirurg*innen und mithilfe unterschiedlicher Vorlagen, wie Schädelmodellen, Hirnpräparaten oder während einer OP angefertigter Skizzen. Mit Blei- und Buntstift entwirft er Zeichnungen anatomischer Strukturen sowie konkreter chirurgischer Techniken auf Papier: Indem er eine Auswahl dessen trifft, was gezeigt werden soll, übersetzt er komplexe Strukturen und Vorgänge und das damit zusammenhängende Wissen in eine visuelle Form, die den Untersuchungsgegenstand reduziert und fokussiert darstellt. Eingesetzt werden diese Darstellungen schließlich im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen und der Lehre zur Vermittlung von Fachwissen. Fünf solcher Zeichnungen werden im Rahmen der Ausstellung unfilter präsentiert. Lucius Fekonja studierte an den Schweizer Kunsthochschulen in Luzern und Zürich Wissenschaftliche Visualisierung und Erkenntnis-Visualisierung. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet er derzeit an der neurochirurgischen Klinik der Charité Berlin sowie am Cluster Matters of Activity. Image Space Material. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Forschung und Entwicklung an der MRT-basierten Operationsplanung sowie die Gestaltung visueller Darstellungen komplexen Wissens und dessen Transfer im Spannungsfeld von analoger Zeichnung und digitaler Modellierung.

 

Pia Linz: Georgium, Vasenhaus, 2013

Pia Linz schlägt ihr mobiles Atelier an immer neuen Orten im Stadtraum auf und kartografiert akribisch in meist monate-, manchmal jahrelangen Übertragungsprozessen ihre Wahrnehmung der Umgebung auf Papier. Dabei gelingt es ihr auf meisterhafte Weise, die multiperspektivische und vielschichtige Realität auf dem zweidimensionalen Medium einzufangen. Ihre oft großformatigen Flächenzeichnungen, die Skalierungen des Raumes sind, werden durch das handschriftliche Einflechten von Geräuschen, Eindrücken und Gesprächen erweitert. Ihre Zeichnung Georgium, Vasenhaus entstand 2013 im Rahmen eines vierwöchigen Aufenthalts im Landschaftspark Georgium in Dessau. Pia Linz studierte an der Städelschule in Frankfurt und ist seit 2016 Professorin für Zeichnung im Fachgebiet Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ihre Arbeiten sind unter anderem in der Sammlung Zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, in der Berlinischen Galerie, dem Kunstmuseum Wolfsburg, der National Gallery of Canada und dem Museum Folkwang in Essen vertreten. Sie wurden in Ausstellungen im Grand Palais in Paris, im Frankfurter Städel Museum, im Museo Nacional de Artes Visuales in Montevideo, im Museo Nacional de Arte in La Paz, im Kunstmuseum Bonn, im Frankfurter Kunstverein, im Sprengel Museum in Hannover, im Museum für Gegenwartskunst Siegen, in der Kunsthalle zu Kiel und vielen weiteren Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt.

 

Christian Schellenberger: Ring Line Record (Beijing), 2014; Nach Marzahn, 2017-2019

Ein wichtiges Element der zeichnerischen Arbeit von Christian Schellenberger ist der Zustand des Unterwegsseins, etwa im Zug oder auch in der S-Bahn. Die ihn jeweils umgebenden Eindrücke, wie die vorbeiziehende Landschaft, Geräusche und Unterhaltungen regen den Zeichenprozess an, während dessen er immerzu auf der Suche ist nach Strichen, Linien, Kritzeln und Zeichen. Diese verdichten sich schließlich zu einem Bildsystem, das all die wahrgenommenen Überlagerungen und Strukturen eines Stadtraums auf abstrakte Weise wiedergibt. Im weiteren Arbeitsprozess kombiniert Schellenberger diese, häufig auf Folie entstehenden Zeichnungen, miteinander und druckt sie in immer neuen Variationen auf Papier. Auf diese Weise schafft er individuelle Kartografien von stetig wachsenden Weltstädten. Reisen an unterschiedlichste Orte werden für Schellenberger zum Anlass für seine zeichnerische Arbeit. So entstand 2014 während eines Aufenthalts in Beijing die Arbeit Ring Line Record. Die Stadt stundenlang mit der Ringbahn umkreisend, tastete er sich zeichnend in immer weiter werdenden Zirkeln mit dem Edding auf übereinander gefalteter Klarsichtfolie voran. Im Wartebereich sind zudem 1-2 minütige Audioaufnahmen des Künstlers zu hören, die seine Eindrücke auf dem Weg zu seinem Atelier nach Marzahn festhalten.

Der Berliner Künstler absolvierte sein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee, an der École Supérieure des Beaux-Arts de Marseille sowie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (Diplom bei Prof. Peter Piller und Prof. Katrin von Maltzahn). Ausgestellt wurden seine Arbeiten unter anderem im Museum der bildenden Künste und in der Galerie b2 in Leipzig sowie im Japanischen Kulturinstitut in Köln. Werke von Christian Schellenberger befinden sich zudem in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Sammlung des Museums der bildenden Künste Leipzig und dem Sammlungsbestand der Kunsthalle Recklinghausen.

 

Oliver Thie: Anatomische Tafel 5, 2013

Oliver Thie studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Diplom und Meisterschüler bei Prof. Nanne Meyer) und arbeitete seither künstlerisch forschend in verschiedenen Kooperationsprojekten mit Wissenschaftler*innen zusammen. Im Temporären Objektlabor am Tieranatomischen Theater Berlin konservierte er 2018 die Schatten von Mineralien. 2016 begleitete er eine biologische Expedition durch die USA, um das Sozialverhalten von Blattläusen zu studieren. Von 2014 bis 2016 war er zu Gast am Museum für Naturkunde Berlin und erforschte in einem öffentlichen Zeichenlabor die Mikrostrukturen auf der hawaiianischen Höhlenzikade. Ausgestellt wurden seine Arbeiten bereits in den Berliner Galerien Stella A und der Galerie Parterre sowie im Kunstverein Neukölln. Seine zeichnerische Forschung macht die Wahrnehmung selbst zum Gegenstand; äußere Weltumstände werden verinnerlicht und visuell übersetzt. Häufig handelt es sich dabei um solch kleine Details, dass diese mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. So sind Mikroskop und Lupe für Thies Arbeiten beinahe so essentiell wie der Bleistift und das Labor wird zu seinem Atelier. Auch die Anatomische Tafel 5 entstand in einer Art Laborsituation, in der Thie die maßstabsgetreue Übertragung eines menschlichen Körpers durch einen Rasterrahmen hindurch auf insgesamt 104 Karten vornahm. Angeordnet in 8 Reihen zu je 13 Spalten fügen sie sich zur lebensgroßen Zeichnung eines menschlichen Körpers zusammen, der sich wie ein Teppich vor den Betrachtenden ausbreitet und für diese mit all seinen Strukturen sichtbar wird.

 

Nicole Wendel: Coredrawing #4, 2019

Die in Berlin lebende Zeichnerin Nicole Wendel studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste, Berlin (Meisterschülerin von Prof. Leiko Ikemura) und nahm an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen teil, darunter im Goethe Institut in Paris, bei Espace d’Art Contemporain André Malraux in Colmar, in der Hegenbarth Sammlung, dem Haus am Lützowplatz und dem Drawing Hub in Berlin sowie dem Rondeel Art Space in Maastricht. Ihre Werke sind in den öffentlichen Sammlungen der Berlinischen Galerie, der Sammlung des Landes Rheinland Pfalz und des GEHAG Forums Berlin vertreten. Den Ausgangspunkt ihrer 2019 entstandenen Coredrawings bildet die Beobachtung von körperlichen Prozessen und Bewegungen im Verhältnis zu Raum. In einer performativen Zeichenaktion hinterlässt die Künstlerin Spuren ihres Körpers auf dem Papier. Diese Graphitstaubspuren werden in einem zweiten Schritt aufgegriffen und weiterkomponiert. So wächst ein Netz aus organischen und geometrischen Linien, das Assoziationen zu musikalischen Partituren und architektonischen Strukturen weckt und gleichzeitig immer einen spannungsgeladenen Übertragungsakt der Beziehung zum eigenen Körper darstellt. Diese Rhythmik der Verortung setzt sich schließlich beim Betrachten fort und lässt uns in einen vielschichtigen Resonanzraum eintauchen.

 

Künstler*innen

Lucius Fekonja
Pia Linz
Christian Schellenberger
Oliver Thie
Nicole Wendel

Kuratiert von Nuria Röder und Liz Stumpf