SEEING THINGS

28.06.2011 – 15.07.2011

Lichthof Ost in der Humboldt-Universität zu Berlin

Vernissage am 28. 06.2011, 19.00 – 22.00 Uhr

„Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen“, beschwor Goethe einst seinen Freund Johannes Daniel Falk und nahm sich im Überschwang der Begeisterung vor, sich das Reden ganz abzugewöhnen und „wie die bildende Natur in lauter Zeichnungen fort[zu]sprechen“. Bilder schienen ihm offenbar eindeutiger, präziser und prägnanter als Schrift und Sprache, lassen sie doch auf einen Blick – den berühmten coup d’œil – alles Wesentliche erkennen. Diese Einsicht erklärt vielleicht, warum Studierenden bis heute allerorts in Hörsälen, Lehrbüchern und Übungsräumen stilisierte Bilder begegnen, die sie in das Denkkollektiv ihrer jeweiligen Disziplin einführen sollen.

Die Ausstellung SEEING THINGS betrachtet das wissenschaftliche Bild aus der Sicht zeitgenössischer Kunst. Sie zeigt Arbeiten von Künstlern, die sich wissenschaftliche Techniken der „Visualisierung des Unsichtbaren“ angeeignet haben, um Aspekte der Realität aufzuzeichnen, die durch das Raster der konventionellen Wissenschaft fallen. Darüber hinaus werden aber auch Arbeiten präsentiert, die sich kritisch mit der vermeintlichen „Objektivität“ wissenschaftlicher Bilder auseinandersetzen und somit bildtheoretische Reflexionen einleiten, die von den Wissenschaftlern selbst noch vielfach vernachlässigt werden.

Denn auch für die Wissenschaft gilt, was Paul Klee schon 1920 für die Kunst feststellte: Sie gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar. Ein naturgetreues Abbild der Realität enthält kaum Erkenntnis. Erst die Reduktion, Typisierung oder Überzeichnung kann Charakteristika, Zusammenhänge und Funktionen verdeutlichen – man denke nur an Bestimmungsbücher oder enzyklopädische Illustrationen. Das wissenschaftliche Bild kommt daher nicht über eine theoriegeladene Annäherung an die Wirklichkeit hinaus. Was bereits für Darstellungen des Sichtbaren gilt, wird umso relevanter für die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, des zu Kleinen oder zu Großen, Immateriellen, Ephemeren, Abstrakten oder Prozessualen: Die „Sache an sich“ mischt sich mit Darstellungskonventionen, technischen Artefakten und ideologischer Wertung, anders gesagt: mit Fiktion.

Zwischen dem Versuch einer sachgerechten Kartierung der Welt und ihrer individuellen Ausdeutung bewegen sich sowohl die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung als auch die mit ihnen konfrontierten wissenschaftlichen Bilder.

Die Pressemitteilung sowie Informationen zu den Künstlern zum Download als PDF

Künstler*innen

Ayreen Anastas & Rene Gabri
Attila Csörgo
Jürgen Drescher
Ebba Fransén-Waldhör
Deborah Ligorio
Philip Loersch
Constantin Luser
Carsten Nicolai
Kirsten Pieroth
Reynold Reynolds
Max Stocklosa
Evgenija Wassilew
Bignia Wehrli
Christine Würmell

Kuratiert von Katharina Lee Chichester.

Besonderer Dank gilt Dr. Angelika Keune, Dagmar Oehler, Dr. Steffen Hofmann, Christian Axt, Hendrikje Jakobsen, Videodrom Verleih.