SEEING THINGS
Zeitgenössische Kunst im Lichthof
des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin

Vernissage am 28. Juni 2011, 19-22 Uhr

Ausstellungsdauer bis zum 15. Juli 2011
Öffnungszeiten Mi-Fr, 12-18 Uhr

GRUPPENAUSSTELLUNG mit

Ayreen Anastas & Rene Gabri
Attila Csörgo
Jürgen Drescher
Ebba Fransén-Waldhör
Deborah Ligorio
Philip Loersch
Constantin Luser
Carsten Nicolai
Kirsten Pieroth
Reynold Reynolds
Max Stocklosa
Evgenija Wassilew
Bignia Wehrli
Christine Würmell

Pressemitteilung
for English version please scroll down

„Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen“, beschwor Goethe einst seinen Freund Johannes Daniel Falk und nahm sich im Überschwang der Begeisterung vor, sich das Reden ganz abzugewöhnen und „wie die bildende Natur in lauter Zeichnungen fort[zu]sprechen“. Bilder schienen ihm offenbar eindeutiger, präziser und prägnanter als Schrift und Sprache, lassen sie doch auf einen Blick – den berühmten coup d'œil – alles Wesentliche erkennen. Diese Einsicht erklärt vielleicht, warum Studierenden bis heute allerorts in Hörsälen, Lehrbüchern und Übungsräumen stilisierte Bilder begegnen, die sie in das Denkkollektiv ihrer jeweiligen Disziplin einführen sollen.

Die Ausstellung SEEING THINGS betrachtet das wissenschaftliche Bild aus der Sicht zeitgenössischer Kunst. Sie zeigt Arbeiten von Künstlern, die sich wissenschaftliche Techniken der „Visualisierung des Unsichtbaren“ angeeignet haben, um Aspekte der Realität aufzuzeichnen, die durch das Raster der konventionellen Wissenschaft fallen. Darüber hinaus werden aber auch Arbeiten präsentiert, die sich kritisch mit der vermeintlichen „Objektivität“ wissenschaftlicher Bilder auseinandersetzen und somit bildtheoretische Reflexionen einleiten, die von den Wissenschaftlern selbst noch vielfach vernachlässigt werden.

Denn auch für die Wissenschaft gilt, was Paul Klee schon 1920 für die Kunst feststellte: Sie gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar. Ein naturgetreues Abbild der Realität enthält kaum Erkenntnis. Erst die Reduktion, Typisierung oder Überzeichnung kann Charakteristika, Zusammenhänge und Funktionen verdeutlichen – man denke nur an Bestimmungsbücher oder enzyklopädische Illustrationen. Das wissenschaftliche Bild kommt daher nicht über eine theoriegeladene Annäherung an die Wirklichkeit hinaus. Was bereits für Darstellungen des Sichtbaren gilt, wird umso relevanter für die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, des zu Kleinen oder zu Großen, Immateriellen, Ephemeren, Abstrakten oder Prozessualen: Die „Sache an sich“ mischt sich mit Darstellungskonventionen, technischen Artefakten und ideologischer Wertung, anders gesagt: mit Fiktion.

Zwischen dem Versuch einer sachgerechten Kartierung der Welt und ihrer individuellen Ausdeutung bewegen sich sowohl die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung als auch die mit ihnen konfrontierten wissenschaftlichen Bilder.

Kuratiert von Katharina Lee Chichester

Pressemitteilung PDF
Informationen zu den Künstlern PDF
___________________________________

Press Release

„We ought to talk less and draw more“, Goethe once suggested to his friend Johannes Daniel Falk. In his enthusiasm for the visual sense he promptly decided to break with the habit of speech altogether, in order to, “like nature, communicate everything ... in sketches.” Images apparently promised to be less ambiguous, more precise and catchy. In contrast to text, they can be grasped at a glance – the famous coup d'œil. This may explain why students even today encounter stylized images in every corner, be it in lecture halls, textbooks, or laboratories, meant to introduce them to the “thought collective” of their particular discipline.

The exhibition SEEING THINGS examines scientific images from the perspective of contemporary art. It shows works by artists who have appropriated scientific techniques of “visualizing the invisible” to record aspects of reality otherwise neglected by conventional science. In addition to this, works are also presented that question the supposed “objectivity” of the scientific image, hence developing the sort of theoretical critique that is still commonly disregarded by the scientific community itself.

In 1920 Paul Klee famously stated that “art does not reproduce the visible; rather, it makes visible.” The same idea can be applied to science: A naturalistic rendering barely holds any insight. Only by means of abstraction, typification or characterization can specific features, inherent functions and relations be clarified – one need only think of taxonomical or encyclopedic illustrations. Scientific images are never more than theory-laden approaches to nature. What already holds true for the visible becomes even more relevant with regard to the invisible, the microscopic, distant, abstract, or procedural: The “thing itself” is diluted by illustrative conventions, technical artifacts, and ideological judgment; in other words, by fiction.

The artistic works in this exhibition maneuver between the attempt to achieve an objective cartography of the real and its individual interpretation – just as the scientific images they are confronted with.

Curated by Katharina Lee Chichester

Press Release PDF
Information about the artists PDF